Vom Ordnen der Dinge Ein Film von Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier

Kulturelle Filmförderung 2008 - Recherche.

Grimme-Preis 2016

2016
in der Rubrik Information & Kultur/Spezial

Vom Ordnen der Dinge

Vom Ordnen der Dinge
Vom Ordnen der Dinge

Dokumentarfilm, D, 2013, 80 min Min
Regie: Jürgen Brügger, Jörg Haaßengier
Kamera: Sven O. l Hill
Schnitt: Gesa Marten
Musik: Pit Przygodda
Mit Hubert Klinke u.a.
Produktion: Filmtank

Scheinbar normale Mitbürger, die sich zuhause an verschrobenen selbstentwickelten Statistiken berauschen; Forscher, die mit Ordnungen verschiedenster Grade die Uferlosigkeit ihres Fachgebiets bekämpfen; bedenkliche bürokratische Planungsphantasien: Ist Ordnung wirklich nur das halbe Leben? Das Ordnen kann zu einer wahren Herausforderung, einem großen Versprechen, vielleicht sogar Heilsversprechen werden, zum Abtauchen in die Wunderkammern einer Wirklichkeit, die vollkommener, harmonischer und perfekter erscheint als die Welt außerhalb. Problematisch wird es allerdings, wenn sich diese Eigendynamik des Ordnens in den monströsen Groß- und Langzeitprojekten von Staat und Wirtschaft wiederfindet. Die Selbstvergessenheit, die im Hobbykeller harmlos ist, kann verhängnisvoll werden, wenn es um gesellschaftlich relevante Fragen geht…

In Zusammenarbeit mit ZDF/Arte.
Gefördert von FF Hamburg Schleswig Holstein, BKM, Filmstiftung NRW.
Rechercheförderung durch Filmbüro Bremen aus Mitteln des Senators für Kultur. Gert Ruge Stipendium 2007.

Grimme-Preis 2016: Begründung der Jury

„Weißt du, wie viel Sternlein stehen?" Schon an der Wiege wurde uns gesungen, dass selbst der liebe Gott ein Freund der Erhebung ist. Und es eifern ihm diejenigen Menschen nach, zu denen Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier eine unaufdringliche Nähe gefunden haben.
Denn ist „Vom Ordnen der Dinge“ nicht selbst eine (von Sven O. Hill bestechend fotografierte) Botanisiertrommel, in der es vor Sehnsucht nach Sortierung wimmelt? Eine Menagerie, die die Grenzen ohne garstigen Vorsatz immer mehr schwinden lässt zwischen dem, was lachhaft penibel scheint – und jenem, was einer Ordnungsmacht zusteht? Denn Ordnung muss doch sein.
Wir sehen: Hier die Zwanghaften mit der Liebe zur Hängeregistratur, dort die Staatstragenden, für die ein Sandkorn das Zeug hat, Landesvermessungsdienste ernsthaft ins Wanken zu bringen. Es ist die listige Leistung dieses Films, dass er aber viel mehr ist als die Addition kleinkarierter Käuze und hochmögender Koryphäen. Je mehr seine Helden, die Wissenschaftler zumal, uns selbstsicher berichten von der Notwendigkeit der Klassifikation, der Kategorisierung und Kontrolle, desto stärker steigt in uns das mulmige Gefühl auf, es auch hier mit kaum mehr als hilflosen Uferlosigkeiten zu tun zu haben, um sich die Erde untertan zu machen.Souverän kreisen die Filmemacher um Versuche, solcher Haltlosigkeit zu entrinnen. „Es schwankt“, sagt der anhaltinische Landvermesser über sein Terrain – und seufzt. Wenn dieser gestandene Mann von seinem Wunsch nach einem Messpunkt außerhalb der Erde spricht, lassen sich die tönernen Füße unserer Weltordnung mit Händen greifen.Oft sind die Bilder, die Brügger und Haaßengier für ihr Thema finden, bizarre Spiegel unserer Sisyphos-Systeme. Ob die Kamera über hunderte Käferrücken schwebt, ob sie ein Meer von Strandkorbnummern fixiert oder die neue deutsche Städteplanung: „Vom Ordnen der Dinge“ ist gar kein Film über Dinge. Er ist trotz aller Vorsicht und Distanz der vielgesichtige Einblick in eine zutiefst menschliche Sehnsucht: die Welt und sich selbst zu erfassen, zu beherrschen, zu begreifen. „Vom Ordnen der Dinge“ erzählt dies weder gehässig noch zynisch. Und doch lässt der Film uns zurück mit der Sicherheit, dass selbst eine Million nummerierter Bakterien nicht einmal ein Quäntchen Trost sind. Jürgen Brügger und Jörg Haaßengier ist ein leises, fast verzweifelt heiteres Werk über eine große Frage der Menschheit gelungen. Und wäre die Wendung nicht schon an eine Seifenoper vergeben… wie dieser Film im Kleinen ein großes Thema erkundet, das könnte auch sehr verdienstvoll heißen: Alles, was zählt!

Aufführungen und Auszeichnungen

Premiere: 9.Mai 2014 DOKFEST München
Filmkunstfest Schwerin 2014
Kinostart am 29. Mai 2014 in Köln (mit Premiere), Dresden, Freiburg und Berlin.

Nominierung 2016 in der Rubrik Information & Kultur/Spezial

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