Eugenia Gortchakova

Künstlerin, Videokunst

Oldenburg
*05.10.1950
† 07.12.2016

Gortchakova theaea org Trauerflor
Gortchakova theaea org Trauerflor

Eugenia Gortchakova war Preisträgerin des 20. Videokunst Förderpreises und mit ihren Arbeiten auch beim Kunstfrühling und im Rahmen unterschiedlicher Kinoveranstaltungen bei uns präsent; das Heimspiel 109 aus dem Jahr 2014 widmete sich ihrem film-künstlerischen Schaffen.
Sie bleibt uns als lebensfrohe, warme, weltreisende, un-ruhige, sehr kluge und belesene, so interessierte wie gern unterstützende und ständig schaffende Künstlerin in Erinnerung. Sie hinterlässt ein umfassendes Werk.

02.07.2017 um 15h: Neuer Worpsweder Kunstverein

Eugenia Gortchakova: Silentium!

In Kooperation mit dem Neuen Worpsweder Kunstvereines organisierte das Filmbüro eine Vorführung von drei Filmen von Eugenia Gortchakova zur Finissage am 2.7.17.

13.4.2014, 11 Uhr: Schauburg Bremen

Eugenia Gortchakova: Drei Filme – Heimspiel 109.

Die Matinee präsentiert ihre neusten Arbeiten wie "Der erste" und "Törtchen und Teufel", die im Rahmen ihres Berlin Stipendiums des Senators für Kultur Bremen 2013 entstanden sind. Gezeigt wird auch "Altérité/Andersheit" - eine neue Fassung des prämierten Konzepts des Videokunst Förderpreises 2011/2012 (zusammen mit K.Hoffmann).

11.11.2012 bis 24.02.2013: Paula Modersohn-Becker Museum

20. Videokunst Förderpeis

Die prämierten Arbeiten "Der große Gammel" von Susann Maria Hempel und "Unter einem Hut. Me as a Stranger" von Eugenia Gortchakova/Kornelia Hoffmann wurden vom 11. November 2012 bis zum 24. Februar 2013 im Paula Modersohn-Becker Museum zu sehen.

Lebenslauf

1950 Born at Kirov, Russia
1967-72 Philology studies at Moscow State University
1978-82 Studies of Art-History at Moscow State University
1991-92 Studio in Paris
1992 Studio in Oldenburg, Germany

Projekte

Diverse Preise und Ausstellungen weltweit:
www.eugenia-gortchakova.de/

20.Videokunst Förderpreis Bremen 2011
Austellung des 20. VKP

Heimspiel Bremen 2014: Eugenia Gortchakova: drei Filme
Heimspiel 109: Eugenia Gortchakova

Auszug aus der Trauerrede von Jürgen Weichardt.

Die zahlreichen Beileidsbezeugungen haben zu erkennen gegeben, dass Sie alle ein Bild von Genia haben, das eine energievolle, engagierte, phantasiereiche, freundliche und liebenswerte Persönlichkeit zeigt, die wusste, was in und mit Kunst erreicht werden kann und wirklich ihr Leben in einen künstlerischen Schaffensprozess verwandelt hat. Sie pflegte den für Kunst als Leben so wichtigen Erlebnis-Aspekt - das Erarbeiten eines Werkes ebenso als ein Erleben zu fühlen wie das Präsentieren des Werkes und – nicht weniger wichtig – den Dialog über das Werk mit dem Publikum. Zugleich war ihr eigenes Leben selbst ein Prozess aus immer zunehmenden, höher wertigen Erlebnissen gewesen.

Eugenia Gortchakova, geb. Freger wurde am 5.Oktober 1950 in Kirow geboren. Kirow liegt etwa 800 km östlich von Moskau und war eine Industriestadt nahe der Millionengrenze.- Stalin lebte 1950 noch, die staatlichen Terror-Institute und Instrumente funktionierten noch. Genia war von Geburt an nicht allein; denn ihr folgte ihre Zwillingsschwester Olga, mit der sie in den folgenden Jahren alles teilen und gemeinsam erleben konnte.

Im Jahr 2000 beschreibt Genia diese Situation:
„Die Liebe zur Wiederholung ist Basis meiner Begegnung mit Warhol. Woher er sie hat, weiß ich nicht. Ich dagegen habe sie seit meiner Geburt, weil zehn Minuten später meine Zwillingsschwester auf die Welt gekommen ist. Und was war zuerst da? Ungeduld zu leben oder Interesse am Ende? Das ging im Gedächtnis verloren.“

Als sie mit 6 Jahren schulpflichtig wurde, war Stalin gerade gestorben, und vieles begann sich ganz langsam zu ändern. Genia und ihre Schwester wuchsen in einer gut-bürgerlichen Familie auf, in einer Stadt, die viermal größer als Oldenburg war, aber Mitte der sechziger Jahre, als Genia und Olga 15 Jahre alt waren, wenig zu bieten hatte – ein Theater, ein Ballett, ein Museum, aber doch Kinos, in denen auch amerikanische Filme liefen. So erfuhren die beiden, dass es irgendwo im Westen noch eine andere Welt gab, die ihnen bald besser erschien als die vor den Abhängen des Urals.

2000 reflektiert Genia diese erste Phase ihres Lebens:
„Früher habe ich geträumt, ich muss laufen, vor der Gefahr wegrennen, aber die Beine sind gelähmt. Die Verbindung zwischen Gedanken und Körper ist gerissen. Der Zustand dauert. Inzwischen wird die Gefahr nicht mehr wahrgenommen, es bleibt nur der Drang wegzulaufen und die Unmöglichkeit, sich zu bewegen. Entsetzen weckt. Aber der Traum kommt wieder. In dieser Dunkelheit habe ich in Russland gelebt. Lichtungen, Durchbrüche geschahen. Aber das Gefühl von unsichtbarer Schranke und Lähmung dominierte. Ich hatte keine Zweifel, dass es das Licht gibt, aber es schien jemandem anderen. Ich wollte alles verstehen, aber ich stand vor der geschlossenen Tür. Der starke Wunsch blendet; du merkst und siehst nichts Anderes. Selbst in Büchern nach dem Sinn zu suchen, hat keine Helligkeit gebracht.“

Nach Reisen war das Verlangen , aber die Grenzen schienen unüberwindbar. Im Kirower Alltag boten Schule, Schachspiel, Spaziergänge mit den Eltern und der gemeinsame Auftritt des Zwillingspaares, soweit mir erzählt wurde, die meisten Abwechslungen, nicht zuletzt, weil die beiden Mädchen einander so ähnlich sahen, dass sie wahrhaft für einander eintreten konnten, was sie wohl auch gelegentlich taten.

Beide Schwestern erhielten die Erlaubnis, als sie die Schule abgeschlossen hatten, in Moskau zu studieren. Beide näherten sich der Literatur, Genia wählte das Spezialfach Linguistik. Hier wurde der Sinn für Ordnung und Systematik vorgeformt, auch wenn er noch nicht zum Ausdruck kam. Problematisch wurden Semesterferien, denn nicht immer konnten die beiden Schwestern zusammen zum Ernte-Einsatz, dem Pflichtprogramm russischer Studenten, fahren; sie wurden zum ersten Mal getrennt. Später hat Genia erzählt, dass sie unter solchen Trennungen gelitten hätte. Einsamkeit hatte sie schon damals kaum ertragen – Einsamkeit ist etwas Anderes als Alleinsein, das sie beim Arbeiten tagelang ertragen konnte. Ein weiterer charakteristischer Zug wird hier deutlich: Wenn sie für eine Aufgabe ein Ziel sah, das sie sich selbst gestellt hatte oder das zu ihrer Weiterformung sinnvoll erschien, entwickelte sie Energien des Aushaltens, einer Beständigkeit von bewundernswerter Stärke. Aber darüber sprach sie nicht, höchstens: Ich habe noch viel zu tun.

Die Zweisamkeit mit ihrer Schwester erleichterte das Leben, denn alle Probleme, die auftauchten, wurden im Dialog behandelt und natürlich meist auch gelöst. Der Dialog, das Gespräch wurde auch eine conditio ihres Lebens. Das hätte so weiterlaufen können. Dann aber machte ihre Schwester etwas Erschreckendes – sie heiratete. Da blieb Genia nur eine Lösung, auch zu heiraten. Sie fand einen herzensguten Mann, mit dem sie eine bürgerliche Familie gründete. Der Beruf des Mannes hatte nichts mit Linguistik und nichts mit Kunst zu tun. Genia bekam einen Sohn, was sie zwang, viel Zeit zu Hause zu verbringen. Eine Frau, die so voller Ideen und Wünschen nach Kommunikation und dennoch völlig abgeschlossen war, konnte ein bürgerliches Leben auch in Moskau nicht zufrieden stellen. Die Einsamkeit kehrte zurück, auch wenn dies unmittelbar noch nicht bewusst wurde.

Sie schrieb: „Die Traum-Situation sah in der Realität anders aus. Ich gehe auf der Straße. Ich habe gerade meine Familie verlassen. Plötzlich überfällt mich die starke Erkenntnis von Einsamkeit, der Fremdheit in der Welt dir gegenüber…. In Gedanken wird die Verbindung mit den Menschen zerrissen. Mir hat sich etwas geöffnet, wo ich nicht bin, das „Wir“ existierte in diesem Moment nicht mehr.
Ich denke, dass die Kraft dieses Erlebnisses mich endgültig in die Kunst geworfen hat. Jetzt hat sich die Suche nach dem Sinn des Lebens, die mich zum Gedanken an den Selbstmord geführt hat, als eine Sackgasse gezeigt, und ich konnte Ausweg finden. Aber nicht sofort habe ich aufgehört, die Dunkelheit wahrzunehmen.“

An Dialog-Partnern fehlte es auch weiterhin nicht, und mit ihnen und einem neu begonnenen Studium der Kunstgeschichte drang sie immer tiefer in die Welt der zeitgenössischen Kunst ein, wobei ihr half, dass wenigstens die Medien, zumindest Presse und Fernsehen die Grenzen nicht mehr achten mussten. So erfuhr sie vom Abstrakten Expressionismus, vom Informel, von den in den USA entwickelten aktuellen Strömungen. Sie fand Zugang zu den Kollegen in Moskau, und mit gleichaltrigen Künstlern unternahm sie im Laufe der achtziger Jahre erste Reisen ins benachbarte Finnland und nach Kopenhagen.

Unter Gorbatschow begann die Zeit großer ausländischer Ausstellungen in Moskau. Ihre rednerische Begabung und ihr Kunstverständnis verschafften ihr den Job, als Ausstellungsführerin zu arbeiten. Ihre Unbefangenheit machte sie fähig, auch Staatsgäste durch Ausstellungen zu geleiten, darunter – woraus sie später nie eine story machte – die Frau des US-Präsidenten Bush /Vater, die ihr zum Dank ein Taschentuch schenken ließ. Anders Otto Herbert Hajek, der von ihrer Führung durch seine Ausstellung beeindruckt war und den Kontakt noch eine Zeitlang hielt.

Es gehört zur Geschichte des Kalten Krieges zwischen West und Ost, dass es lange vor dem Fall der Mauer wissenschaftliche und künstlerische Verbindungen zwischen Menschen in beiden Systemen gegeben hatte und dass diese Verbindungen ohne falschen Propaganda-Aufwand viel zur Öffnung der Grenzen beigetragen hatten. Gegenüber der SU hieß das zwar nicht Visa-Freiheit, aber doch leichteres Erlangen eines Visums und – wenn man nicht gerade das System zerstören wollte – auch freie Bewegung im Lande. Für Genia bedeutete es ersehnte Reisen, was von der Neugier im Westen auf russische Kunst gefördert wurde. Mit einer Künstlergruppe wurde Eugenia Gortchakova in den niederländischen Käse- und Künstlerort Leerdam eingeladen, wo sie zwei Wochen arbeiten und ausstellen konnte. Ich war interessiert an russischer Kunst, weil die westdeutschen Kunstvereine das Projekt „Kunst Europa“ betrieben und an mir bzw. am Oldenburger Kunstverein die Kunst aus Russland hängen geblieben war. Als ich von dem Leerdam-Projekt erfuhr, reiste ich dorthin und traf die Gruppe und Genia. Ansprechpartnerin war eigentlich eine andere Künstlerin, deren Ausstellung im Hamburger Raum ich gerade eröffnet hatte. Beide Frauen führten mich durch die kleine Ausstellung und zeigten mir weitere Arbeiten in ihrem Übernachtungsraum.

Leerdam bedeutete für Genia eine Wende, denn danach kehrte sie zunächst nicht nach Russland zurück. Ein Stipendium führte sie nach Paris. Dort wuchs zwar zunächst das Einsamkeitsgefühl, auch wenn sie sich um das Überleben nicht kümmern musste. So schrieb sie, wie sie erzählte, an alle, die sie im Westen kannte, dass sie in Paris sei und dass man sie besuchen könnte. Sie bekam auch Antworten, doch nur einen Besuch, der sie vom Maltisch weglockte und mit ihr durch die Galerien schlenderte. Genia blieb mehr als ein halbes Jahr in Paris, lernte viele Leute kennen, auch Galeristen, bekam dennoch natürlich keine Ausstellungsangebote. Paris wurde in anderer Hinsicht für sie wichtig: Zitat:

„In Paris habe ich Kunst von Agnes Martin entdeckt und später von Roman Opalka – Ruhe und Zeit. Ich habe Distanz zu mir selbst gefunden und dadurch meine Kunst. Die Gegensätze, die mich zerrissen hatten, sind nicht verschwunden, aber ich habe eine Methode gefunden, sie auszuhalten. Ein Strich – eine Geste der Hand mit dem Pinsel, Atom der Malerei und der Zeit. Ich habe mich dem Fluss der Zeit geöffnet und den Zustand gefunden, in dem Bewusstsein dauert.“

Im Rahmen ihres Stipendiums gewann sie Kontakt zum französischen Finanzministerium, das auch einen Ausstellungsraum hatte und schließlich auch bereit war, eine Ausstellung zu arrangieren. Allerdings nicht sofort. So canzelte sie ihren Rückflug nach Moskau und kam nach Oldenburg, als ihr Stipendium abgelaufen war. Es begann eine Zeit des Schlangestehens für eine Aufenthaltsgenehmigung und gelegentlich für ein Visum nach Paris, um die Kontakte zum französischen Finanzministerium nicht abreißen zu lassen. Wenn Genia nicht im Auto saß, dann malte sie. Wenn sie im Auto saß, las sie das Buch ihres Lehrmeisters Bachtin, eines russischen Philosophen, im Westen kaum bekannt. Später hatte jeder Kurator bei ihr schon gewonnen, wenn er auch nur den Namen Bachtin richtig einzuordnen verstand.

Sie schrieb im Rückblick: “Der Gedanke von Bachtin über zwei Grundpositionen des Menschen „ich für mich“ und „ich für die anderen“ oder ein Blick aus sich selbst auf die anderen und von außen auf sich selber. Sie finden in der ästhetischen Tätigkeit ihren Ausdruck. In der heutigen Philosophie gilt das Bewahren dieser zwei Positionen als das Wesen des Seins des Subjekts.“

Zu einem Kern ihres weiteren Schaffens nach 2000 wird der Begriff „Alterité“. Auch dazu ein Zitat von Genia: „Eines meiner Schlüsselworte ist „Das Andere“. Es ist mein Instrument geworden, Menschen und Kunst zu verstehen. Wir erkennen unsere Dualität nicht sofort, obwohl der erste Blick des Kindes in den Spiegel ihm aufzeigt, wie andere es sehen. Erste Worte kriegen wir von anderen. Das Gefühl von Scham überfällt uns, wenn wir unwillkürlich eine negative Meinung des anderen vermuten.
Ich habe als „Andere“ Marilyn Monroe genommen, um Distanz zu mir selber zu gewinnen. Zu Beginn war sie für mich fremd, aus einer anderen Welt, ein Gegensatz zu mir. Je näher ich ihr kam, umso deutlicher habe ich mich selbst gesehen.
Einem meiner Projekte habe ich den Titel gegeben „Das Andere bin ich“, d.h. wir schaffen unsere Gestalt, wie sie von außen gesehen wird. Das Bestreben, Kontakt mit dem eigenen Ich zu finden, habe ich über die Kunstgeschichte anschaulich gemacht, von prähistorischer Venus und Vogelidole bis zum Stier von Picasso und Warhol in der Gestalt Marilyn Monroes“.

Die Begegnung mit Marilyn hatte etwas Schicksalhaftes: Jemand hatte Genia den Tipp gegeben, das Filmmuseum in Frankfurt zu besuchen; dort wurde sie von einem Kurator empfangen, der ihr beiläufig erzählte, man plane eine Ausstellung mit Marilyn; worauf Genia antwortete, sie habe sich mit ihr schon beschäftigt. Beide Seiten kamen überein, sie solle diese Ausstellung bestreiten. Da war sie zur rechten Zeit am rechten Ort. Sie hatte Platz in einem namhaften Museum einer zentralen deutschen Städte gefunden.
Als wir zum dritten Mal Stunden vor dem französischen Konsulat in Hamburg warten mussten, beschlossen wir zu heiraten. Das ergab noch keine deutsche Staatsbürgerschaft, aber einen erleichterten Zugang nach Frankreich, wo die Ausstellung im Finanzministerium noch der Realisierung harrte. Die nächste Fahrt dorthin blieb ohne Probleme.

Bald darauf hatte sich Genia in Oldenburg eingelebt, und das heißt, um genauer zu sein, in Oldenburg und Bremen. Der Kunstverein, Sarah Rut Schumanns Galerie 42 und die Gedok, die dann in Oldenburg gastierte, waren die Zugänge. Von da an war sie unter uns, und die meisten von Ihnen kennen sie von zahllosen Ausstellungsbesuchen und Ausstellungen – ich brauche diese nicht aufzuzählen. Aber sie waren nur die Oberfläche, denn Genia hatte verstanden, in relativ kurzer Zeit Kontakte über Bremen, Frankfurt und Hamburg hinaus zu knüpfen, wobei es ihr sinnvoll erschien, nie nein zu sagen, wurde ihr eine Ausstellungsbeteiligung angeboten. So kam sie locker auf dreißig Ausstellungen im Jahr. Ich sage das nicht, weil es eine phantastische Zahl ist, sondern weil der Außenstehende sich die ungeheure Arbeit vorstellen muss, die im Teilnehmen an so vielen Ausstellungen steckt, besonders dann, wenn die Künstlerin den Ehrgeiz entwickelt hat, möglichst immer neue Arbeiten zu zeigen. Da deutet sich an, was eben im Zitat anklang – der Gegensatz zwischen Erfolg und Opfer.

Die 15 Jahre des 21. Jahrhunderts hat Genia genutzt, an Kunstprozessen in der Welt teilzunehmen, an Biennalen und Triennalen, an Symposien. Sie nahm Stipendien wahr auch an exotisch scheinenden Orten wie Bishkek, Kirkisien, aber auch in NY und Berlin, und überall hinterließ sie einen Kreis von Menschen, der sich gern mit ihr treffen wollte. Selbst Opalka hatte sie einmal in Ljubljana zum Mittagessen eingeladen. Aber die Reisen fielen ihr keineswegs leicht, bei jedem längeren Aufenthalt äußerte sie den Wunsch, bald wieder nach Hause zu fahren – nicht aus Heimweh, sondern wegen der Arbeit. Es gab noch so viele Bilder zu malen.

Und dann entdeckte sie das Video für sich: Den Anfang machte wohl ein Überraschungsteam 1997 morgens um 6 Uhr am Bahnhof in Kirow, das einen Film über die Kirower Künstlerin drehen wollte. Er sollte 5000 DM kosten und dem Team den Zugang zum westlichen Markt öffnen. Der Film wurde in Kirow gedreht, die 5000 DM stiftete ein Bürger, nur der westliche Markt ließ sich von uns nicht öffnen. Doch Genia hatte Freude an diesem Medium gefunden, denn es war Kommunikation, die das Wesen dieses Mediums vor und hinter der Kamera ausmachte. Auch wenn die Künstlerin allein war, dann waren Wind, Wellen und Buchseiten die Dialogpartner. Zum Höhepunkt geriet das Projekt „Alterité“, das Filmen von fremden Menschen, denen ein fremder Hut aufgesetzt wurde, zu dem sie ihre Empfindungen äußern sollten. Hier war der Dialog zurückgekehrt. Aber zusammen mit ihrer Freundin Kerstin hat sie auch einen anderen Dialogfilm gedreht mit dem richtungsweisenden Titel „Wofür würden Sie sterben“ – selbst einen Polizisten auf der Manhattan-Bridge in New York hat sie zum Reden gebracht. Sie selbst hat diese provokante Titelfrage nicht beantwortet, die sie dem Bewusstsein für das Ende aber näher gebracht hatte.

Genia hat immer den erwähnten Gegensatz zwischen Erfolg und Opfer gesehen, sie war bereit, mit diesem Gegensatz zu leben. Schon vor 2000 hat sie ein Bild gemalt, über das sie schrieb:“ Ich mag Gegensätze. Das Leben ist voll davon. In „True Face of Happy End“ habe ich einen Schädel versteckt. Happy End ist so populär, weil es existentiell ist und auf das andere Ende zeigt, ohne es zu nennen.“ Auch das ist die Erkenntnis einer tragischen Situation: Dem Glück wohnt immer das Ende inne. Im Zusammenhang mit Hegel ist ihr das noch einmal aufgefallen: Hegel habe „das Wesen des Subjekts in der Fähigkeit, Gegensatz zu sich selber auszuhalten, erkannt: Nicht nur den Gedanken an den Tod, auch das Hinausgehen in die Welt und den Weg zurück zu sich selbst. Ich erinnere mich, wie ich an der Grenze zu explodieren gelebt habe, zwischen Begehren zu leben und dem Gefühl, dass die Zeit wegläuft, bis ich einen Pinsel in die Hand genommen habe. Mit ihm konnte ich die Existenz ertragen.“ Das Hinausgehen in die Welt hat sie in den letzten Jahren ihres Lebens in exzessiver Weise betrieben, sie war 2015 in Israel, in Indien, Russland an verschiedenen Orten, in Estland, Portugal, Polen, Österreich und 2016 wieder in Indien, Russland, mehrmals in Polen, und nicht zuletzt in Südafrika. Und das, obwohl sie seit Ende Januar 2015 wusste, dass sie Krebs hatte. Aber der musste für sie heilbar sein, wie es auch eine Zeitlang schien, wenn sie ihn verdrängte. Doch diese Reisen führten sie nicht aus dem Gegensatz hinaus, der im Bild „True Face of Happy End“ angedeutet wird: Das Erleben spricht nicht vom bitteren Ende, führt aber auch davon nicht weg.

Zum Schluss geriet dieser Mensch, den wir alle geschätzt und geliebt haben, in die unlösbare Situation des Tragischen. Ihre Tragödie im attischen Sinn war die Unmöglichkeit, eine Balance zu finden zwischen wachsenden unerträglichen Schmerzen und dem verschwindenden eigenen Bewusstsein – die Schmerzen töten und ihre Dämmung tötet. Bewegungslos ist Genia in den letzten vier Tagen hinübergeglitten.

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